Abenteuer Flixbus

3:30 Uhr. Der Wecker fragt sich, warum er jetzt schon aufwachen muss, schaltet aber brav das Radio an. Und so ist das erste, was mein langsam erwachendes Bewusstsein wahrnimmt, dass irgendwelche Forscher in irgendeiner Studie die Nützlichkeit von Parasiten preisen. Der Gedanke, dass BUND, NABU, die Umwelthilfe und die Grünen demnächst fordern werden, auf Grund dieser bahnbrechenden Erkenntnis den Bandwurm unter Naturschutz zu stellen, lässt mich schlagartig wach sein.

4:50 Uhr. Dietmar, der gute Freund, hat uns zu dieser unchristlichen Zeit nach Chemnitz gefahren und wir besteigen den FlixBus von Chemnitz nach Berlin. Das Gefährt kommt bereits aus Baden-Württemberg und ist dementsprechend gut gefüllt. Dösende oder schlafende Gestalten, eingehüllt in Schlafsack oder Decke mit und ohne Kopfkissen bevölkern die Plätze. Es riecht wie an der Frischetheke von Kaufland, nur nicht nach Wurst oder Käse, sondern nach etwa 20 verschiedenen, mehr oder minder intensiv duftenden Deodorants. Ich gestatte mir, dem Ensemble die Note Axe Black Night hinzu zu fügen. Sehr gern hätte ich noch Bulgary Man Extreme beigesteuert, aber mein Rasierapparat war heute morgen bereits eingepackt. Ich setze mich also unrasiert neben eines der Schlafwesen und warte auf die Abfahrt.

6:00 Uhr. Dresden ist erreicht. Die ersten Handys sind aufgewacht (piep, flöt) und mit ihnen ihre müden Besitzer. Einige verlassen hier den Bus und so können wir ab jetzt nebeneinander sitzen. Auch die zwei Grazien hinter uns sind aufgewacht und bereichern nun die Tour mit Tiefgründigem: „… ooh toll, äh, jaaa … ich fahr viiiel lieber Bus als Bahn. Geht viiiel schneller und ist vooll bequem.“, „…suuuper, jaaa, krass … ist ja auch viiiel billiger!“ Man sollte denken, im postfaktischen Zeitalter solche Fake News mit einer gewissen Gelassenheit ertragen zu können, aber als die beiden lautstark einvernehmlich beschließen, bis Berlin noch zwei Stunden zu schlafen und der geistige Dünnfluss damit sein abruptes Ende findet, fühle ich mich doch irgendwie erleichtert.

7:20 Uhr. Wir passieren die Ausfahrt Calau. Mein Rücken schmerzt, der Steiß auch. Die Klimaanlage zieht, meine Augen werden trocken, die Sitze sind eng, Armfreiheit Fehlanzeige. Mich erinnert der Bus an die fliegenden Sardinenbüchsen, mit denen man Pauschaltouristen verfrachtet. Soviel zum Thema „bequem“. Bis Berlin sind es noch 100 Minuten…

9:00 Uhr. Pünktlich stehen wir mit unseren Koffern am ZOB in Berlin neben dem Bus. Hier haben wir 90 Minuten Aufenthalt, bis es nach Hamburg weiter geht. Direkt vor uns steht allerdings ein anderer FlixBus, der schon um 9:05 Uhr nach Hamburg fährt. Ich frage den Fahrer, ob seine Tour ausgebucht sei, was er verneint. Ob wir mitfahren können? Er scannt unsere Fahrkarte und verneint abermals. Nur wenn wir unseren Anschlussbus verpasst hätten, dürfe er uns mitnehmen. Irritiert frage ich 15 Minuten später einen weiteren Fahrer, der ebenfalls nach Hamburg unterwegs ist, ob wir vielleicht mit ihm weiter kommen. Nein, auch mit ihm nicht, wir wären auf seiner Tour nicht versichert.

Jetzt gehe ich zum Service Center von FlixBus und frage nach, was dieser Unsinn soll: Wir haben ein Ticket nach Hamburg, es fahren andauernd Busse dorthin und wir sollen 90 Minuten warten. Die Antwort verblüfft mich. Wir müssen auf den Anschlussbus warten, weil wir das Ticket bereits benutzt haben. Ja, bitte wie wären wir wohl sonst hierher gekommen?

10:30 Uhr. Es geht weiter. Der Bus hat sich in eine rollende Telefonzelle verwandelt und die Mitreisenden ergehen sich darin, der Welt vorzuführen, wie originell sie ihre Handys personalisiert haben. Man möchte Ihnen zurufen, „Hey Leute, jedes Handy hat einen Vibrationsalarm, der dafür gedacht ist, dass Euer Spielzeug andere nicht andauernd nervt!“ — Kopfhörer und Kekse helfen auch. Noch 268 km bis Hamburg. FlixBus fragt per Mail, ob mir die Reise gefallen hat…

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