Unsere Fahrräder ziehen um

Viele Jahre haben sie uns durch Deutschland und darüber  hinaus getragen, haben Urlaube begleitet und klaglos zahlreiche Camping- und Covenience-Produkte der Outdoor-Industrie getragen: Unsere Fahrräder! Aber mit fortschreitendem Alter ihrer Besitzer fiel auch ihr Dasein zunehmend der Bedeutungslosigkeit anheim. In einem Schuppeneckchen, versteckt unter selten gebrauchtem Gartenzubehör, in den Raum rankendem Efeu und getarnt durch zahlreiche Spinnweben, gelang es dem Verfall, mehr und mehr von Ihnen Besitz zu ergreifen.

Und jetzt? Jetzt ziehen sie um. Karl hat sie überholt, hat dem Verfall Einhalt geboten und demnächst sollen sie den Aktionsradius ihrer Besitzer an einem Ort erweitern, an dem Steigungen – mit einigen Ausnahmen, wie z.B. dem Elbhang – eher homöopathischer Natur und damit altersgerecht sind: Hamburg.

Es geht los: Start am Freitag morgen.

Der Gedanke, diesen Umzug mit einem kleinen Urlaub zu verbinden und, wie vor 16 Jahren, mit Muskelkraft entlang der Elbe von Sachsen nach Hamburg zu radeln, war schnell verworfen. Das Quer-durchs-Land-Ticket der Bahn erschien uns deutlich bequemer und schneller. Und weil man mit Rädern immer etwas mehr Zeit zum Umsteigen benötigt als ohne, haben wir den längeren Weg über Göttingen und Uelzen gewählt.

Gut vier Stunden juckeln wir durch Westsachsen und der Länge nach durch Thüringen, um schließlich zum ersten Umsteigebahnhof zu gelangen. Es ist eine entspannte Fahrt bei bestem Wetter und mir fällt angenehm auf, dass selbst dort wo vor fast 30 Jahren noch der Geruch körperlicher Arbeit und – wenn überhaupt – das eher rasch flüchtige Deodorant von Florena das Zugklima beherrschten, heute wohlgepflegte Menschen jeden Alters den Zug besteigen.

„Wir erreichen in kürze Göttingen. Der Ausstieg ist in Fahrtrichtung rechts.“

Wir erreichen Göttingen. Umsteigen. Die Szenerie ändert sich. Es riecht säuerlich im Metronom nach Uelzen. Eine osteuropäische Großfamilie, bestehend aus drei Frauen, fünf Kindern und einem drahtig kleinen Putin-Verschnitt im Tarnanzug mit 2mm-Haarschnitt, verzehrt zahlreiche Döner, befriedigt ihren Durst aus ebenso zahlreichen Apfelsaftbricks und Orangensaftflaschen. Ah ja, daher also der Geruch.

Gleichzeitig läuft ein Videotelefonat mit einem uns unverständlich, aber laut sprechenden Menschen, dem reihum alle Familienmitglieder ihre jeweiligen Döner, Apfelsaftbricks und Orangensaftflaschen präsentieren und ihm entweder einen Blick aus dem Zugfenster auf den Göttinger Bahnhof oder in die Runde der mitreisenden Nichtfamilienmitglieder gewähren.

Der Zug fährt ab, die Telefonverbindung bricht zusammen, der Geruch und das laute Geplapper bleiben. Die größeren Kinder üben sich löblicherweise in Deutsch als Fremdsprache, ein kleinerer Junge freut sich daran, dass die Fenster mit Rollos abgedeckt werden können (Rollo runter, Rollo hoch, Rollo runter, Rollo hoch, etc. etc.) und das kleinste, irgendwann unruhig geworden, wird von der Mutter gestillt. Ich warte direkt darauf, dass jetzt gleich – eigentlich kausal zwingend – jemand einen Campingkocher aus dem Gepäck holt, um Kaffee oder Tee zu kochen.

Hannover-Messebahnhof, die Familie verlässt überstürzt den Wagon (wahrscheinlich eine Station zu früh). Zurück bleiben ihre Fast-Food-Reste – mit anderen Worten, die Plätze sind ziemlich vermüllt. Das wiederum freut ganz besonders die vielen Heimkehrer von der Hannover-Messe, die sich, zum Teil noch im Business-Dress, im Wagen ausbreiten und verstohlen mit den Füßen die leeren Bricks unter den Sitzbänken zu verteilen suchen.

Viel Platz für Fahrräder im Metronom!

Für die akustische Untermalung der Fahrt sorgt ab jetzt eine Gymnasialklasse, die auf der Messe mehrere Rubik’s-Cubes in Miniaturform ergattert hat. Zunächst spannend (kennen die den Trick?), dann ermüdend ist es, zu erfahren, dass auch diese, im algorithmischen Denken bewanderten Schüler nicht schlauer beim Lösen des Würfelrätsels sind, als wir es vor vielen Jahren waren: „Zweimal links rum drehen, einmal nach oben, dann zweimal nach rechts und einmal nach unten. Dann ist derselbe Würfel wieder am selben Platz. Der richtige Algorithmus ist echt lang!“  —  Ach…

Uelzen, umsteigen. Die Zusammensetzung der Fahrgäste wird neu gemischt. Wir finden ein entspanntes Plätzchen in der Nähe unserer Fahrräder und sehen gelassen dem Ende der Reise entgegen.

Ab Lüneburg wird es noch einmal spannend: Eine kleine drahtige Gestalt, eingehüllt in einen naturwollweißen, halblangen Umhang, deren schmales, sonnen gegerbtes Gesicht unter der ebenfalls naturwollweißen Kapuze aussieht, als würde sie seit Jahren auf sich allein gestellt in der freien Natur – oder zumindest auf dem eigenen Balkon – leben, über der Schulter einen indianisch anmutenden, wollweiß-naturrot verzierten Köcher mit zwei Bögen und einer Anzahl ebenso kunstvoll verzierter Pfeile besteigt mit leicht schwebendem Schritt den Zug. Ein Schamane…?

Dazu passend, hölzernes Geklapper;  das sich allerdings rasch als von einer anderen Figur herrührend entpuppt. Gebückte Haltung, tief in ihren Höhlen liegende Augen, kantiges, gegerbtes dunkles Gesicht, die grauen Haare mehr zu einem Knoten als zu einem Zopf gebunden, schiebt dieser Mensch ein Fahrrad in den Wagen. Und obwohl beide Hände zum Führen des Rades verwendet, erzeugt jede größere Bewegung eben dieses hölzerne Klappern. Trägt er vielleicht die Reste eines Orff’schen Schulxylophons als Weste unter seinem dunkelblauen Anorak?

Das neue Heim: Ein kleines Kellerabteil.

Auf den ersten Blick sieht es nicht so aus, als gehörten die beiden zusammen, kein Blick, keine Geste, kein Wort. Es fällt mir aber auf, dass immer, wenn der Wollweiße, der ein wenig unruhig mal hierhin, mal dorthin schwebt, sich im Fahrradabteil sehen lässt, der andere mit seiner Holzweste klappert – oder was immer es auch sonst sein mag. Nun, in Harburg steigen beide aus.

Und wir? Wir sind auch angekommen. Nach über acht Stunden quer durchs Land in Regiozügen stehen wir mit unseren Rädern zunächst in der S-Bahn und rollen dann den Rest nach Hause. Irgendwie kommen wir uns vor, als hätten wir heute einen Tag im Zirkus verbracht…

Ein Eintrag im “Unsere Fahrräder ziehen um”

  1. Beim Lesen konnte ich den „Dönerduft“ fast riechen. Aber Sorry….. Appetit hatte ich nicht wirklich.
    Und ich staune immerwieder respektvoll, auf welche kleinen Details Du, lieber Wolfgang, so achtest und durchaus wert legst. Faszinierend!!!!
    Und…. Danke, dass Ihr mit dem Zug gefahren seid! So würde mir beim Lesen der Muskelkater erspart!
    Danke für den schönen Bericht.
    Eure Grit

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