F60 – schon mal davon gehört?

Braunkohleabbau – ein heißes Thema, gerade im Kontext des Umweltschutzes. Sei es der Hambacher Forst in NRW, die verwüsteten Landschaften in der Lausitz oder der zu bewältigende Ausstieg aus der Kohleförderung dort. Braunkohle ist immer ein Reizthema!

Andererseits hat diese Art des Erzabbaus erstaunliche technische Meisterwerke hervorgebracht. Als Kind war für mich der DDR-Stand auf der Hannover-Messe, in dem naturgetreue Modelle der riesigen Braunkohlebagger ausgestellt waren, immer ein Anlaufpunkt (Ideologie hin oder her…). Heute kann sich jeder so ein Ding im Original anschauen, wenn man südlich von Leipzig den Bergbau Technik Park, Großpößna, besucht.

Klar, der Bagger dort ist beeindruckend, aber er ist geradezu handlich und kompakt gegenüber der F60 in Lichterfeld!

Die F60 ist eine Abraumförderbrücke: 502 Meter lang, 204 Meter breit, 13.500 Tonnen schwer – und wer während einer Führung auf dem höchsten Punkt angekommen ist, befindet sich 79 Meter über dem Boden. Das (!) ist beeindruckend.

Eines der größten Arbeitsgeräte der Welt! Fünf Stück wurden davon gebaut und diese ist die letzte erhaltene. Mit ihr konnten bis zu 60 Meter Gelände auf der einen Seite abgetragen und auf die andere zum Verkippen transportiert werden, um an ein Braunkohleflöz heran zu kommen. Daher der Name. 1991 in Betrieb genommen, wurde sie schon 1992 still gelegt, aber die Lager der Rollen, über die die riesigen Förderbänder laufen, lassen sich noch heute ganz leicht mit der Hand bewegen.

Wir haben sie uns angeschaut und ich bin – trotz meiner Höhenangst – bereits zweimal bis zu den besagten 79 Metern gekommen. Es ist einfach beeindruckend.

Also, wenn Ihr mal in die Lausitz kommt, macht den Umweg über Lichterfeld (die B101 ist übrigens ganz in der Nähe, von dort ist es nicht weit). Es lohnt sich!

 

Hidden Champion: Die Bundesstraße 101

Als ich im Spätsommer 1992 das erste Mal in Chemnitz war, hatte ich noch drei Stunden bis zu meinem eigentlichen Termin und die Stadt selbst bot sich damals eher nicht an, diese Zeit dort zu verbringen. Also beschloss ich, mit dem Auto nach Annaberg-Buchholz zu fahren und ein paar Eindrücke vom Erzgebirge zu sammeln. Schließlich war ich hier noch nie gewesen.

Kurz vor Annaberg bog ich auf die B101 ab, um wieder nach Norden zu fahren und war überrascht von der Vielseitigkeit dieser Straße. Sie durchzieht kleine Ortschaften ebenso, wie sanfte Höhen, gibt Ausblicke ins weite Land frei und führt an Flüssen entlang durch schöne Waldstücke oder felsige Schluchten. Ich war beeindruckt!

Einige Zeit später wohnte ich in Chemnitz auf einem kleinen Zimmer und der Vermieter nahm mich zur Weihnachtszeit mit auf eine Lichtertour, wie er es nannte. Er wollte mir die vielen Schwibbögen in den Fenstern der Häuser im Erzgebirge zeigen. Und wohin fuhren wir? Genau: Nach Annaberg-Buchholz und dort auf die B101. Auch das eine schöne Erinnerung.

Inzwischen ist die B101 eine meiner liebsten Motorradstrecken geworden und ich versuche, sie stets ein paar Mal im Jahr zu befahren. Immer ein Stückchen weiter, immer wieder überrascht, wie vielseitig sie ist.

Von Aue im Erzgebirge bis nach Berlin-Neukölln führt sie, ist knapp 300 km lang, und von Aue bis Großenhain, auf der östlichen Elbseite gelegen, bin ich bislang gekommen. Klar, es gibt Streckenabschnitte, die nicht nur Highlights aufweisen, aber das ist wohl bei jeder Bundesstraße so. Entschädigt wird man allerdings durch relativ wenig Verkehr (besonders an den Wochenenden) und mindestens durch die Stadt Meißen, die ja bekanntlich viel Touristisches zu bieten hat – und wenn es nur die Albrechtsburg sein sollte.

Ich habe schon viele Biker, die ich getroffen habe, auf diese Straße aufmerksam gemacht und dabei meist in ein ungläubiges Gesicht geschaut. Gekannt hatte sie keiner. Sie ist also wohl eher ein Insidertipp – eben ein Hidden Champion!

Mein Tipp: Einfach bei der nächsten Tour nach Süden oder Norden, die B101 mal mit in die Route einplanen. Es lohnt sich!

Unsere Fahrräder ziehen um

Viele Jahre haben sie uns durch Deutschland und darüber  hinaus getragen, haben Urlaube begleitet und klaglos zahlreiche Camping- und Covenience-Produkte der Outdoor-Industrie getragen: Unsere Fahrräder! Aber mit fortschreitendem Alter ihrer Besitzer fiel auch ihr Dasein zunehmend der Bedeutungslosigkeit anheim. In einem Schuppeneckchen, versteckt unter selten gebrauchtem Gartenzubehör, in den Raum rankendem Efeu und getarnt durch zahlreiche Spinnweben, gelang es dem Verfall, mehr und mehr von Ihnen Besitz zu ergreifen.

Und jetzt? Jetzt ziehen sie um. Karl hat sie überholt, hat dem Verfall Einhalt geboten und demnächst sollen sie den Aktionsradius ihrer Besitzer an einem Ort erweitern, an dem Steigungen – mit einigen Ausnahmen, wie z.B. dem Elbhang – eher homöopathischer Natur und damit altersgerecht sind: Hamburg.

Es geht los: Start am Freitag morgen.

Der Gedanke, diesen Umzug mit einem kleinen Urlaub zu verbinden und, wie vor 16 Jahren, mit Muskelkraft entlang der Elbe von Sachsen nach Hamburg zu radeln, war schnell verworfen. Das Quer-durchs-Land-Ticket der Bahn erschien uns deutlich bequemer und schneller. Und weil man mit Rädern immer etwas mehr Zeit zum Umsteigen benötigt als ohne, haben wir den längeren Weg über Göttingen und Uelzen gewählt.

Gut vier Stunden juckeln wir durch Westsachsen und der Länge nach durch Thüringen, um schließlich zum ersten Umsteigebahnhof zu gelangen. Es ist eine entspannte Fahrt bei bestem Wetter und mir fällt angenehm auf, dass selbst dort wo vor fast 30 Jahren noch der Geruch körperlicher Arbeit und – wenn überhaupt – das eher rasch flüchtige Deodorant von Florena das Zugklima beherrschten, heute wohlgepflegte Menschen jeden Alters den Zug besteigen.

„Wir erreichen in kürze Göttingen. Der Ausstieg ist in Fahrtrichtung rechts.“

Wir erreichen Göttingen. Umsteigen. Die Szenerie ändert sich. Es riecht säuerlich im Metronom nach Uelzen. Eine osteuropäische Großfamilie, bestehend aus drei Frauen, fünf Kindern und einem drahtig kleinen Putin-Verschnitt im Tarnanzug mit 2mm-Haarschnitt, verzehrt zahlreiche Döner, befriedigt ihren Durst aus ebenso zahlreichen Apfelsaftbricks und Orangensaftflaschen. Ah ja, daher also der Geruch.

Gleichzeitig läuft ein Videotelefonat mit einem uns unverständlich, aber laut sprechenden Menschen, dem reihum alle Familienmitglieder ihre jeweiligen Döner, Apfelsaftbricks und Orangensaftflaschen präsentieren und ihm entweder einen Blick aus dem Zugfenster auf den Göttinger Bahnhof oder in die Runde der mitreisenden Nichtfamilienmitglieder gewähren.

Der Zug fährt ab, die Telefonverbindung bricht zusammen, der Geruch und das laute Geplapper bleiben. Die größeren Kinder üben sich löblicherweise in Deutsch als Fremdsprache, ein kleinerer Junge freut sich daran, dass die Fenster mit Rollos abgedeckt werden können (Rollo runter, Rollo hoch, Rollo runter, Rollo hoch, etc. etc.) und das kleinste, irgendwann unruhig geworden, wird von der Mutter gestillt. Ich warte direkt darauf, dass jetzt gleich – eigentlich kausal zwingend – jemand einen Campingkocher aus dem Gepäck holt, um Kaffee oder Tee zu kochen.

Hannover-Messebahnhof, die Familie verlässt überstürzt den Wagon (wahrscheinlich eine Station zu früh). Zurück bleiben ihre Fast-Food-Reste – mit anderen Worten, die Plätze sind ziemlich vermüllt. Das wiederum freut ganz besonders die vielen Heimkehrer von der Hannover-Messe, die sich, zum Teil noch im Business-Dress, im Wagen ausbreiten und verstohlen mit den Füßen die leeren Bricks unter den Sitzbänken zu verteilen suchen.

Viel Platz für Fahrräder im Metronom!

Für die akustische Untermalung der Fahrt sorgt ab jetzt eine Gymnasialklasse, die auf der Messe mehrere Rubik’s-Cubes in Miniaturform ergattert hat. Zunächst spannend (kennen die den Trick?), dann ermüdend ist es, zu erfahren, dass auch diese, im algorithmischen Denken bewanderten Schüler nicht schlauer beim Lösen des Würfelrätsels sind, als wir es vor vielen Jahren waren: „Zweimal links rum drehen, einmal nach oben, dann zweimal nach rechts und einmal nach unten. Dann ist derselbe Würfel wieder am selben Platz. Der richtige Algorithmus ist echt lang!“  —  Ach…

Uelzen, umsteigen. Die Zusammensetzung der Fahrgäste wird neu gemischt. Wir finden ein entspanntes Plätzchen in der Nähe unserer Fahrräder und sehen gelassen dem Ende der Reise entgegen.

Ab Lüneburg wird es noch einmal spannend: Eine kleine drahtige Gestalt, eingehüllt in einen naturwollweißen, halblangen Umhang, deren schmales, sonnen gegerbtes Gesicht unter der ebenfalls naturwollweißen Kapuze aussieht, als würde sie seit Jahren auf sich allein gestellt in der freien Natur – oder zumindest auf dem eigenen Balkon – leben, über der Schulter einen indianisch anmutenden, wollweiß-naturrot verzierten Köcher mit zwei Bögen und einer Anzahl ebenso kunstvoll verzierter Pfeile besteigt mit leicht schwebendem Schritt den Zug. Ein Schamane…?

Dazu passend, hölzernes Geklapper;  das sich allerdings rasch als von einer anderen Figur herrührend entpuppt. Gebückte Haltung, tief in ihren Höhlen liegende Augen, kantiges, gegerbtes dunkles Gesicht, die grauen Haare mehr zu einem Knoten als zu einem Zopf gebunden, schiebt dieser Mensch ein Fahrrad in den Wagen. Und obwohl beide Hände zum Führen des Rades verwendet, erzeugt jede größere Bewegung eben dieses hölzerne Klappern. Trägt er vielleicht die Reste eines Orff’schen Schulxylophons als Weste unter seinem dunkelblauen Anorak?

Das neue Heim: Ein kleines Kellerabteil.

Auf den ersten Blick sieht es nicht so aus, als gehörten die beiden zusammen, kein Blick, keine Geste, kein Wort. Es fällt mir aber auf, dass immer, wenn der Wollweiße, der ein wenig unruhig mal hierhin, mal dorthin schwebt, sich im Fahrradabteil sehen lässt, der andere mit seiner Holzweste klappert – oder was immer es auch sonst sein mag. Nun, in Harburg steigen beide aus.

Und wir? Wir sind auch angekommen. Nach über acht Stunden quer durchs Land in Regiozügen stehen wir mit unseren Rädern zunächst in der S-Bahn und rollen dann den Rest nach Hause. Irgendwie kommen wir uns vor, als hätten wir heute einen Tag im Zirkus verbracht…

Cruise Days 2017

Die Cruise Days finden im Sommer statt, damit potenzielle Kunden Lust bekommen, auf den großen Hotelschiffen Urlaub zu machen. Die Cruise Days finden im Hamburger Sommer statt, damit die potenziellen Kunden auch wirklich mit diesen Schiffen fahren – wohin ist eigentlich egal, Hauptsache weg vom Hamburger Sommer…

MS Europa 2 an der Überseebrücke

Wir sind auf den Cruise Days. Es ist kalt. Eben hat es noch geregnet. Jetzt fliehen die letzten Regenwolken nach Nodosten, getrieben von einem mäßigen, aber kalten Südwestwind. 300.000 Besucher sollen angeblich das Spektakel beobachten wollen. Wenn es 10.000 sind, sind viele da. Verglichen mit dem Hafengeburtstag ist es hier leer.

Das Programm erscheint uns vergleichsweise mäßig und verhalten zu sein; das Publikum auch. Allerlei Buden mit Fresschen, Souvenirs und Handwerk. Dazwischen, größer aber nicht dominant, die Stände der Kreuzfahrer: MSC, Costa, TUI und wie sie alle heißen. Man ist schließlich auf einer Art Open-Air-Verkaufsmesse.

Nicht nur Kreuzfahrer nehmen teil

18:30 Uhr: Wir irren etwas herum und suchen nach dem besten Platz für die große Auslaufparade um 21:15 Uhr. Man muss sich kümmern. Die Landungsbrücken bieten sich an, sind aber bereits gut gefüllt. Bei Nordsee auf der Terrasse sind alle Plätze belegt, ins benachbarte Lokal kommt man nur mit Eintrittskarte. Unten, hart an der Wasserkante, steht man in Dreier- teils in Viererreihe, auf jeden Fall viel zu dicht am Wasser.

Aber wir haben Glück! Oben, direkt am Geländer gibt eine Familie entnervt vom Kindergequengel ihren Platz auf. Wir können echt schnell sein! Vom Uhrturm an Brücke 3 hört man sechs Glasen: 19:00 Uhr. Noch zwei Stunden und 15 Minuten.

AIDAprima auf dem Weg zur Parade – rückwärts…

Wir hatten mittags Matjes und hier ein Fischbrötchen gegessen. Jetzt will der Fisch schwimmen. Aber wegzugehen hieße, den Platz aufzugeben. Niemals!

Die Sonne geht langsam unter, es wird richtig kalt. Gefühlte 10 Grad. Sich zu bewegen, hieße, den Platz zu verlieren. Niemals!

Vom Stehen werden die Gelenke steif. Die Füße fühlen sich an, wie durchgestanden. Etwas Hin-und-hergehen würde den Platz in Gefahr bringen. Niemals!

Man ist startklar!

Es ist soweit. Endlich! Der Moderator kündigt zum X-ten Male die Parade an und liest die Reihenfolge der Kreuzfahrer, die Liste der Premium-Begleitschiffe und einige Namen der sonstigen mitfahrenden Wassergefährte vor. Langsam beginnt sich der Zug in Bewegung zu setzen. Allen voran die AIDAprima. Ein Riese, dessen Formen weniger an ein Schiff als an einen ostdeutschen Plattenbau erinnern. Aber schön bunt ist sie, schön beleuchtet und über den Rest legt die Nacht den gütigen Mantel der Dunkelheit.

Zu jedem Kreuzfahrtschiff gibt es ein spezielles Feuerwerk und man weiß nicht recht, wohin man schauen soll, nach oben oder auf die derart illuminierten Schiffe. Ein wahrlich großes Spektakel!

Großes Feuerwerk für jeden Kreuzfahrer.

Der AIDA folgen die Norwegian Jade, danach die Europa 2 und die Europa. Alles drei Schiffe, die noch weitgehend so aussehen. Schließlich, am Ende der Parade die MSC Preziosa – auch so ein schwimmender Plattenbau. Die MeinSchiff 3 fehlt. Sie hat beim Ablegen eine Leine in die Schraube bekommen und kommt nicht vom Kai weg. Dann wird ihr Feuerwerk eben ohne sie abgebrannt.

Nach einer halben Stunde ist alles Geschichte. Wir sind inzwischen bewegungsunfähig (und im Stadtpark rockt Mick Jagger mit 74 Jahren auf der Bühne herum), wollen aber noch den im Rahmen von Blue Port blau beleuchteten alten Elbtunnel anschauen. Eine gute Entscheidung, die Inszenierung ist sehr gelungen!

Blue Port: Alter Elbtunnel in blau.

Danach müssen wir sehen, dass und vor allem wie wir nach Hause kommen. Inzwischen sind wohl doch über 250.000 Besucher  hier. U- und S-Bahnen sind proppenvoll und Ordner lassen immer nur wenige Leute zum Einsteigen durch. Ein Trick hilft: In die falsche Richtung einsteigen, nach zwei Stationen umsteigen und wieder zurück fahren. Dann ist man schon drin im Zug. Gegen Mitternacht gibt’s endlich das verdiente Bier zu Hause.

Abenteuer Flixbus

3:30 Uhr. Der Wecker fragt sich, warum er jetzt schon aufwachen muss, schaltet aber brav das Radio an. Und so ist das erste, was mein langsam erwachendes Bewusstsein wahrnimmt, dass irgendwelche Forscher in irgendeiner Studie die Nützlichkeit von Parasiten preisen. Der Gedanke, dass BUND, NABU, die Umwelthilfe und die Grünen demnächst fordern werden, auf Grund dieser bahnbrechenden Erkenntnis den Bandwurm unter Naturschutz zu stellen, lässt mich schlagartig wach sein.

4:50 Uhr. Dietmar, der gute Freund, hat uns zu dieser unchristlichen Zeit nach Chemnitz gefahren und wir besteigen den FlixBus von Chemnitz nach Berlin. Das Gefährt kommt bereits aus Baden-Württemberg und ist dementsprechend gut gefüllt. Dösende oder schlafende Gestalten, eingehüllt in Schlafsack oder Decke mit und ohne Kopfkissen bevölkern die Plätze. Es riecht wie an der Frischetheke von Kaufland, nur nicht nach Wurst oder Käse, sondern nach etwa 20 verschiedenen, mehr oder minder intensiv duftenden Deodorants. Ich gestatte mir, dem Ensemble die Note Axe Black Night hinzu zu fügen. Sehr gern hätte ich noch Bulgary Man Extreme beigesteuert, aber mein Rasierapparat war heute morgen bereits eingepackt. Ich setze mich also unrasiert neben eines der Schlafwesen und warte auf die Abfahrt.

6:00 Uhr. Dresden ist erreicht. Die ersten Handys sind aufgewacht (piep, flöt) und mit ihnen ihre müden Besitzer. Einige verlassen hier den Bus und so können wir ab jetzt nebeneinander sitzen. Auch die zwei Grazien hinter uns sind aufgewacht und bereichern nun die Tour mit Tiefgründigem: „… ooh toll, äh, jaaa … ich fahr viiiel lieber Bus als Bahn. Geht viiiel schneller und ist vooll bequem.“, „…suuuper, jaaa, krass … ist ja auch viiiel billiger!“ Man sollte denken, im postfaktischen Zeitalter solche Fake News mit einer gewissen Gelassenheit ertragen zu können, aber als die beiden lautstark einvernehmlich beschließen, bis Berlin noch zwei Stunden zu schlafen und der geistige Dünnfluss damit sein abruptes Ende findet, fühle ich mich doch irgendwie erleichtert.

7:20 Uhr. Wir passieren die Ausfahrt Calau. Mein Rücken schmerzt, der Steiß auch. Die Klimaanlage zieht, meine Augen werden trocken, die Sitze sind eng, Armfreiheit Fehlanzeige. Mich erinnert der Bus an die fliegenden Sardinenbüchsen, mit denen man Pauschaltouristen verfrachtet. Soviel zum Thema „bequem“. Bis Berlin sind es noch 100 Minuten…

9:00 Uhr. Pünktlich stehen wir mit unseren Koffern am ZOB in Berlin neben dem Bus. Hier haben wir 90 Minuten Aufenthalt, bis es nach Hamburg weiter geht. Direkt vor uns steht allerdings ein anderer FlixBus, der schon um 9:05 Uhr nach Hamburg fährt. Ich frage den Fahrer, ob seine Tour ausgebucht sei, was er verneint. Ob wir mitfahren können? Er scannt unsere Fahrkarte und verneint abermals. Nur wenn wir unseren Anschlussbus verpasst hätten, dürfe er uns mitnehmen. Irritiert frage ich 15 Minuten später einen weiteren Fahrer, der ebenfalls nach Hamburg unterwegs ist, ob wir vielleicht mit ihm weiter kommen. Nein, auch mit ihm nicht, wir wären auf seiner Tour nicht versichert.

Jetzt gehe ich zum Service Center von FlixBus und frage nach, was dieser Unsinn soll: Wir haben ein Ticket nach Hamburg, es fahren andauernd Busse dorthin und wir sollen 90 Minuten warten. Die Antwort verblüfft mich. Wir müssen auf den Anschlussbus warten, weil wir das Ticket bereits benutzt haben. Ja, bitte wie wären wir wohl sonst hierher gekommen?

10:30 Uhr. Es geht weiter. Der Bus hat sich in eine rollende Telefonzelle verwandelt und die Mitreisenden ergehen sich darin, der Welt vorzuführen, wie originell sie ihre Handys personalisiert haben. Man möchte Ihnen zurufen, „Hey Leute, jedes Handy hat einen Vibrationsalarm, der dafür gedacht ist, dass Euer Spielzeug andere nicht andauernd nervt!“ — Kopfhörer und Kekse helfen auch. Noch 268 km bis Hamburg. FlixBus fragt per Mail, ob mir die Reise gefallen hat…