Lo Rastelie, Mont Ventoux und Gorges de la Nesque

Lo Rastelié

Zwei Tage wollen wir in Suze la Rousse bleiben. Eine kleine Ferienwohnung bei Jean-Marc Premier, dem Patron der Gîite Lo Rastelié, macht es uns möglich. Frühstück bekommen wir, für den Rest sind wir selbst zuständig. Und genau das ist so eine Sache: Der nächste Supermarkt ist in Bollène, rund 13 Kilometer entfernt, und unsere Möglichkeiten, Einkaufstüten und leckere, aber lange Baguettes zu transportieren, sind stark eingeschränkt. Nun, wir wissen uns zu helfen…

Auf dem Mont Ventoux

Heute soll es zum Mont Ventoux gehen, dem kahlen 2.000er, der so markant aus der Riege der ihn umgebenden Mittelgebirgsberge herausragt und der auf jeden Radfahrer hier in der Gegend eine magische Anziehungskraft ausübt. Die Auffahrt ist trotz der vielen Radfahrer und trotz diverser Wohnmobile eine wahre Freude. Gute Straßen, griffiger Belag – heute ist kein Rodeo angesagt, sondern ein flotter Ritt. Oben ist es kalt und proppen-voll. Man drängelt sich.

Vater & Sohn

Kaum ein Foto, ohne dass jemand durch’s Bild rennt. Buden mit Wurst und Käse aus der Region wetteifern mit Souvenirläden. Nach etwa 20 Minuten fahren wir wieder. Runter von diesem merkwürdigen Berg. Runter zu den Lavendelfeldern, die auch hier wieder viel eher zu riechen sind, als zu sehen. Dann biegen wir ab in die Gorges de la Nesque.

Gorges de la Nesque

Das ist wieder einmal ein feines Tal. Sicher nicht so spektakulär wie die Gorges du Verdon was Tiefe und Enge angeht, aber absolut sehenswert. Wunderbare Aussichtspunkte und eine erheblich größere Nähe zwischen Tal und Straße als dort. Wir sind einfach mehr „mitten drin“ in der Landschaft und genießen das sehr.

Nach rund 30 Kilometern endet das Tal und wir kommen wieder in bewohntes Gebiet. Eine Cola im Bistro auf dem kleinen Marktplatz von Villes sur Auzon erfrischt uns – leider gibt es hier nichts zu essen… Da müssen wir eben warten, bis wir wieder zu Hause sind. In Suze la Rousse wird es ja wohl ein Lokal geben.

Endlos Lavendel

Aber weit gefehlt: Das einzige Restaurant, mitten im Ort, hat keinen Parkplatz für uns, der Imbiss am Campingplatz geschlossen. Im Chalet der Weinakademie gibt es auch nichts und selbst eine Fahrt in den Nachbarort Rochegude bleibt erfolglos. Um die frühe Nachmittagszeit ist hier überall der Hund begraben. Wir fahren nach Bollène, verspeisen in einer allbekannten Fast-Food-Filiale einen Big Mac und decken uns mit Verpflegung ein. Ein Problem bereiten uns allerdings wieder die frischen Baguettes: Sie sind einfach zu lang, um sie zu verpacken…

…man weiß sich zu helfen!

Zu Hause werden die schmutzigen Sachen gewaschen, denn zum Appartement gehört auch eine Waschmaschine. Sehr praktisch! Inzwischen ist es schwül geworden und gegen Abend ziehen dunkle Wolken am Horizont auf. Patron Jean-Marc hatte uns versichert, dass diese Wolken völlig harmlos seien. Es regne hier im Sommer praktisch nie. Neun Monate ohne einen Tropfen wären durchaus keine Seltenheit. Und wenn mal ein kleiner Schauer käme – nun, dass könne man wirklich nicht als Regen bezeichnen. Na, dann sind die Wolken wohl nur eine ferne Wetterlaune und wir können für morgen die Tour an die Ardèche planen.

Zunächst aber machen wir es uns auf der Terrasse im Liegestuhl gemütlich, lauschen den Grillen und Zikaden und beobachten die im Dunkeln an uns vorbeihuschenden Fledermäuse. Dass ab und an am Horizont geblitzt wird, stört uns nicht. Die neun Monate seit dem letzten Regen sind noch nicht um.

In der Nacht blitzt es häufiger und auch Donner ist zu hören – aber das ist ja alles weit weit weg. Neun Monate…

Huhn (im Baum) wenn’s donnert

Kurz vor dem Aufstehen saust Dennis aus dem Bett, rauscht auf die Terrasse und kommt mit unserem Wäscheständer wieder rein. Draußen schüttet es wie aus Kübeln. Blitz und Donner geben sich die Hand und plötzlich wird es richtig laut: Eigroße Hagelkörner sausen aus den Wolken herab und bedecken in kurzer Zeit alles, was nicht abgedeckt ist. Ich fege immer mal das Wasser aus unserem Kücheneingang die Treppe von der Terrasse hinab und frage mich, ob die Hagelkörner wohl unsere Maschinen zerbeult haben.

Bis zum Mittag bleibt diese Frage unbeantwortet, denn die neun Monate scheinen doch plötzlich um zu sein. Es hört gar nicht auf zu regnen. Dann, in einer kleinen Gewitterverschnaufpause huschen wir schnell zu den Maschinen. Glücklicherweise ist nichts zerbeult. Aber an unsere Tour zur Ardèche ist gar nicht zu denken.

Was macht man an so einem Tag? Man liest. Dennis kann abends den Reiseführer von Frankreich auswendig und ich habe auch ein ganzes Buch durchgelesen. Wie gut, dass wir gestern noch genug eingekauft haben. Da müssen wir in dem Regen nicht auch noch deswegen los.

In der Nacht hat sich das Wetter etwas beruhigt. Das Gewitterspektakel hat aufgehört, aber es ist empfindlich kalt geworden. Tief hängende Wolken lassen auf keine gemütliche Tour durch die Mittelgebirge hoffen.

Jean-Marc spricht nicht mehr von den neun Monaten Trockenzeit sondern von seinen Nachbarn, denen es durch die Hagelkörner fast alle Blätter von den Weinreben gefetzt hat – er wünscht uns eine gute Heimfahrt.

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