Auf dem RV13 zum Hardanger Fjord

Von Stabanker nach Granvin

Mittwoch, 5. Juli 2006 – Strecke: 270 km – Fahrzeit ca. 7 1/2 Std.

Heute und in den nächsten Tagen steht der RV13 auf unserem Programm. Diese Straße heißt auch „Ryfylkevegen“, was bedeutet, daß sie durch das bergige Gebiet Ryfylke, nord-östlich von Stavanger, führt. Es könnte aber auch ganz allgemein „Weg durch das Bergland Norwegens“ bedeuten und sinngemäß dafür stehen, daß man durch Befahren dieser Straße einen guten Eindruck von der Vielfältigkeit des bergigen norwegischen Binnenlandes bekommt.

Erste Fähre nach Tau

Zunächst fahren wir von Stavanger mit der Fähre nach Tau, einem kleinen Ort nord-östlich von Stavanger am RV13, wodurch wir uns den Umweg sparen, zunächst wieder zurück nach Sandnes und dann um die ganzen östlich von Stavanger gelegenen Fjorde fahren zu müssen. Einen Ausflug zum Prekestolen, dem wohl berühmtesten Felsen dieser Gegend sparen wir uns, denn wir sind erstens keine großen Wanderer – und man muß mindestens zwei Stunden Fußweg einrechnen, um vom letzten Parkplatz dorthin zu kommen – und zweitens absolut nicht höhenfest. Genau das aber sollte man schon sein, denn dieser Felsen ist eine einfache Felsplattform ohne jegliche Begrenzung, ca. 600 Meter hoch über dem Lysefjord. Also freuen wir uns einfach auf den RV13! Schließlich ist bei dieser Reise der Weg das Ziel.

Idyllisches Südnorwegen

Und tatsächlich, wie aus dem Straßennamen zu erwarten war, bietet sich uns eine ganz neue Erfahrung: Hier ist Norwegen landwirtschaftlich orientiert. Es sieht nicht nur so aus wie in Österreich, es riecht auch so. Nach Heu und Sommerwiese! Allerdings auch nach Bauernhof und Rindviechern – manchmal sogar sehr intensiv nach deren Hinterlassenschaften, egal ob auf den Feldern ausgebracht oder in mehr oder weniger großen Haufen fein säuberlich gesammelt. Die Felder und Wiesen sind saftig grün, leicht in der Höhe geschwungen und reichen bis an die bewaldeten Berge heran. Was fehlt, sind eigentlich nur die Wanderwege und die Wegweiser zu irgendwelchen Almhütten.

Doch dann werden die Berge rasch steiler, die Wiesen schmaler und hinter der nächsten Felsnase lauert wieder das typische Norwegen mit einem langgestreckten, tiefblauen See oder einem Fjord – um sich im nächsten Moment wieder zur flachen Almidylle auszuweiten. So geht es Kurve um Kurve, bis in Hjelmeland die Straße zu Ende ist. Weiter kommen wir hier nur mit der Fähre.

Trauminsel…

Auf der anderen Seite des Fjords wird die Landschaft dann rasch rauher. Die Täler bleiben eng, die Berge steil. Bei Suldalsporten hat ein Erdrutsch die Straße einfach in den See gerissen und die Straßenbauer halten nur eine abenteuerlich schmale Spur durch Wasser, Matsch und faustgroße Felsbrocken frei, um die Stelle einspurig passieren zu lassen. Für die Autos ein Problem, weil es so eng ist, für uns eines, weil wir nicht einfach über die Felsbrocken fahren können, sondern zumindest den größeren ausweichen müssen. Einen Meter links neben uns die Felsmassen des Erdrutsches und auf der anderen Seite, etwa gleich weit entfernt, der steile Abhang in den Suldalsvatn, gut 20 Meter unter dem Straßenniveau. Da heißt es, allen Mut zusammennehmen und durch (die Straßenbauer grinsen frech).

RV13: Der Weg durchs Innland

Tunnel reiht sich an Tunnel auf dieser Strecke. Irgendwo zwischen 30 und 40 höre ich auf zu zählen. Meist sind sie nicht sehr lang, daher unbeleuchtet und oftmals kalt und feucht, so daß das Visier beschlägt und wir Probleme mit der Sicht bekommen. Über das Tunnelklima denken die zahlreichen Schafe dieser Gegend allerdings völlig anders als wir. Sie liegen zu Hauf in der Nähe der Tunneleingänge und manchmal auch bis weit in die dunkle Röhre hinein auf der Fahrbahn herum. Nicht ganz ungefährlich, selbst wenn auf Schildern davor gewarnt wird – aber wer glaubt schon an Schafsherden im Tunnel…

Nun, die Landschaft ist grandios. Man kann sich gar nicht satt sehen. Und da machen so kleine Kleinigkeiten, wie beschlagene Visiere oder im Finstern herumliegende Schafe kaum etwas aus.

Italienisches Flair am Olderfjord

Schließlich kommen wir durch das schöne Brattlandsdal hinauf zur E134, von wo aus wir eigentlich nicht durch den Tunnel sondern über die 520 zum Folgefonn Wasserfall fahren wollen. Doch es gibt nur eine einzige Abzweigung, die nicht ausgeschildert ist und die den Eindruck erweckt, sie würde nach 500 Metern in einem Geröllfeld enden. Zweifelnd fahre ich in die Straße ein und kehre nach einigen Metern wieder um. Das kann es doch nicht sein? Da muß noch eine andere Abzweigung kommen. Kommt aber nicht. Plötzlich sind wir im Tunnel – und der ist 6 km lang. Keine Chance umzukehren. Am Ende der Röhre etwa 500 Meter freie Sicht und dann der nächste Tunnel. Auch gut 5,7 km lang. Und danach wieder so eine kleine Straße, die aussieht als würde sie nach ein paar Metern im Schotterfeld enden. Es wäre also doch der richtige Abzweig gewesen… Na gut, bleiben wir also auf dem RV13 und fahren zielstrebig nach Odda.

Je weiter wir ins Tal hinab kommen, um so südlicher wird das Flair. Hier könnte man meinen, in Oberitalien zu sein. Odda präsentiert sich bereits aus der Ferne wie eine Szenerie am Lago Maggiore und dieser Eindruck hält sich, bis wir am Hafen angekommen sind. Hier wird uns klar, daß diese Stadt Zugang zum offenen Meer hat. Woher kämen sonst diese großen, seegängigen Frachtschiffe?

Fähre von Ute nach Kvandal

Aber unser südländischer Eindruck bleibt auch erhalten als wir auf der 550 wieder aus Odda heraus und am Sörfjord entlang in Richtung Utne fahren. Das Tal ist schmal, die Berge bewachsen und an den Hängen wird in Terrassen Obst angebaut. Blauer Himmel mit kleinen weißen Wölkchen über uns und strahlender Sonnenschein überall. Kleine Siedlungen liegen verstreut an der Straße, zum Teil nur ein paar wenige Häuser umfassend, und gleich dahinter immer wieder der Fjord. Wahrhaftig ein südländisches Ambiente.

Über den Hardangerfjord

Von Utne aus überqueren wir dann den Hardanger Fjord. Ursprünglich wollten wir von hier aus nach Bergen, der Hauptstadt von Hordaland fahren. Nein, nicht weil es die Hauptstadt ist und auch nicht weil es die zweitgrößte Stadt Norwegens ist. Sondern deshalb, weil Bergen sehr schön gelegen und über eine reizvolle Altstadt verfügen soll. Außerdem ist der RV7, der von hier nach Bergen führt, auf meiner Landkarte eine einzige, unglaubliche Schlangenlinie. Das wäre fahrtechnisch und landschaftlich sicher wieder ein Leckerbissen.

Leider ist es schon ziemlich spät am Tag. Die Fähren haben uns mehr Zeit gekostet als erwartet. Manchmal war es bis zu einer Stunde Wartezeit, in der das Schiff einfach still am Anleger lag, aber nichts passierte. Wenn wir daher den heutigen Durchschnitt gefahrener Strecke pro Stunde auf die noch vor uns liegenden 140 Kilometer projezieren und bedenken, daß wir in Bergen auch noch eine Bleibe finden müssen, dann sieht es gar nicht gut aus. Hinzu kommt, daß wir morgen von Bergen nach Voss wollen, um dem RV13 weiter zu folgen.

Camping in Granvin

Das wären dann noch einmal über 100 Kilometer wieder zurück zu der Stelle, an der wir jetzt schon fast sind. Schließlich sind es von hier nach Voss gerade mal 35 Kilometer.

Schweren Herzens entschließen wir uns daher, nicht nach Bergen zu fahren und brummen lieber noch ein Stückchen weiter auf dem RV13 nach Granvin, denn in Kvanndal, dem Ankunftsort der Fähre, befindet sich der Campingplatz gleich neben den Wartelinien für den Fähranleger und damit quasi auf der Straße. Nachtruhe würden wir hier wohl kaum bekommen. In Granvin sind wir dafür fast die einzigen Campinggäste auf dem Platz. Zwar führt hier die Straße tatsächlich mitten durch den Platz hindurch, aber es herrscht so wenig Verkehr, daß es uns nicht stört.

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