Der Klassiker: Dalsnibba, Geiranger, Trollstigen

Von Olden nach Sundalsøra

Freitag, 7. Juli 2006 – Strecke: 327 km – Fahrzeit ca. 7 Std.

Es regnet. Die Wolken hängen tief und verdecken die Berge fast vollständig. Das kann ja heiter werden, denn was gestern der Nærøyfjord war, nämlich das touristische Highlight des Tages, soll heute die Fahrt über Dalsnibba, den Ørnevej und den Trollstigen werden. Also eine ausgeprägte Bergroute! Wir müssen uns wohl damit abfinden, von diesen Einmaligkeiten kaum etwas mitzubekommen.

Tunnelende, Einfahrt zur Dalsnibba

Der Innvikfjord wirkt jetzt ziemlich trostlos und Stryn, die Stadt, in der wir gemäß Händlerverzeichnis einen Yamaha-Händler vermuten dürfen, um Hendriks Blinker ersetzen zu können, wirkt ebenso. Obwohl vieles darauf hindeutet, daß es sich hier um einen richtigen Ferienort handelt. Es gibt Hotels, Bars, Parks und alles, was Pauschalurlauber lieben – und es gibt laut Karte ein Sommerskigebiet in den Bergen am Ende des Tales. Nur den Yamaha-Händler gibt es nicht. Der ist offenbar inzwischen Honda-Händler geworden – aber bei mir ist ja glücklicherweise nichts kaputt.

Weiter geht’s den RV15 am Strynsvatn entlang, Richtung Skigebiet. Je länger wir so vor uns hinfahren, desto besser wird das Wetter. Es hört sogar auf zu regnen und der Himmel klart etwas auf. Als wir am Ende des Tales wieder einmal an der Einfahrt zu einem Tunnel angekommen sind, ist das Wetter sogar recht annehmbar geworden. Dalsnibba, wir kommen!

Nach einigen Kilometern Tunnel stehen wir dann vor der Abzweigung des RV63 nach Geiranger via Dalsnibba und werden von einem großartigen Bergpanorama empfangen. Wir sind zwar nur ca. 1000 Meter über dem Meeresspiegel, aber es ist ein Szenario wie im Hochgebirge der Alpen. Nur der wenige Schnee auf den Bergen zeigt uns, daß die Sonne in dieser Höhe mehr Macht hat als in den Alpen. Hier muß es im Juni recht heiß gewesen sein.

Dalsnibba von hinten…

Oben angekommen, überlegen wir, ob wir die letzten 5 Kilometer bis zur Spitze von Dalsnibba auch noch hinauffahren sollen. Die Straße ist mit 12,5% Steigung ziemlich steil und unbefestigt, hat keine Seitenbegrenzung und ist kostenpflichtig. Die Meißener, mit denen wir in Hirtshals an der Fähre darüber gesprochen hatten, hatten uns geraten, das mit den beladenen Maschinen lieber nicht zu tun. Und so warten wir erst einmal ab, was denn die anderen so machen, die hier vorbeikommen.

Tatsächlich fahren die allermeisten der mit Gepäck beladenen Maschinen an dem Mauthäuschen vorbei. Nur wenige unbeladene fahren hoch. Also lassen wir es auch und fahren wieder abwärts.

…und von vorn
Blick auf den Geirangerfjord

Nach wenigen hundert Metern sind wir überzeugt, nicht allzuviel verpaßt zu haben. Denn der Reiz dieser Strecke offenbart sich genau jetzt, in der beschwingten Abfahrt von der Höhe. Mag der Ausblick von ganz oben vielleicht unwiederbringlich gewesen sein, der Fahrspaß liegt ganz eindeutig in dieser Abfahrt! Kurve um Kurve, Kehre um Kehre – insgesamt 20 Stück – schlängeln wir uns fast 20 km lang ins Tal. Zunächst durch die kargen Felsen, dann immer mehr durch grüne Hänge, bis wir schließlich den ersten Ausblick auf das immer noch tief unter uns liegende Geiranger haben – mit einem blauen Fjord und einem weißen Kreuzfahrtschiff darin. Ein Ausblick, der von einer kitschigen Postkarte stammen könnte.

Rasch sind wir unten angekommen. Das Kreuzfahrtschiff hat inzwischen eine stattliche Größe angenommen und Geiranger entpuppt sich als wuselnder Ferienort. Überall laufen Touristen herum, es gibt Souvenirläden zu Hauf und überall fahren PKWs und Wohnmobile kreuz und quer. Etwas irritiert von diesem Betrieb, fahren wir zunächst zum Fähranleger nach Hellesylt, merken aber schnell, daß es die falsche Fähre ist. Wir haben noch einen Berg vor uns, bevor wir an der Fähre nach Linge und damit auf dem Weg zum Trollstigen sind…

„Ørnevej“, also „Adlerweg“, steht an dem Wegweiser gleich hinter dem Fähranleger, dem wir nun folgen müssen. Auf meiner Karte ein kleines, gerades Stückchen Landstraße. Nur, wo soll in diesem engen Tal, das von dem Fjord praktisch ausgefüllt ist, ein – wenn auch nur kleines – Stück gerader Straße herkommen? Wir schauen bergauf und sehen hoch über uns eine Spur von Wohnmobilen, kleineren Lastwagen, PKWs und Motorrädern schleichend in abenteuerlichen Steigungen und Serpentinen die steile Flanke des Berges rechts neben uns erklimmen. Sollte das der Ørnevej sein? Dann nichts wie hin!

Geringer vom Ørneswing betrachtet
Geirangerfjord, andere Seite

In der Tat! Das (!) ist der Ørnevej! Von 0 auf knapp 700 Meter über Normalnull in elf Kehren. Was im dritten Gang relativ locker beginnt, endet dabei ganz schnell im ersten. Und das ganz einfach weil die Straße so abenteuerlich steil ist. Vorsichtshalber ist weit und breit kein Schild mit einer Prozentzahl aufgestellt. Es würde wohl so manchen Wohnmobilisten abschrecken, weiterzufahren. Denn auch wenn man sich bei so etwas leicht verschätzen kann, mehr als die 8% Steigung der Dalsnibba-Abfahrt sind es sicher, wobei die Innenradien der Kehren teilweise so eng sind, wie am ersten Tag auf dem RV44. Anhalten oder gar wenden müssen, möchte auf diesem Weg wohl niemand und wir wissen jetzt, warum die Fahrzeugschlange zuvor so langsam den Berg hinaufkroch. Wir sind auch nicht schneller.

Fast oben angekommen gibt es eine Aussichtsplattform, die „Ørneswing“, Adlerschwinge. Eine der letzten Kehren wurde ausgeweitet, so daß sich Stellmöglichkeiten für die Fahrzeuge ergeben und dann an der Kehrenaußenflanke eine Betonplattform an den Fels gebaut. Ja, nicht in sondern an den Fels. Sie schwebt gleichsam frei über dem Abgrund und ist lediglich mit allerlei Stahl- und Betonverstrebungen „an den Berg geklebt“. Ein High-Tech-Gitter aus Edelstahl und eine breite Furche im Beton, die optisch auf das Ende der Plattform hinweist, sollen verhindern, daß die Besucher in die Tiefe stürzen.

Der Ausblick ist dementsprechend gigantisch. Wenn bislang vieles unsere Blicke auf sich gezogen hat und wir oft dachten, wie so ein Anblick wohl noch zu übertreffen wäre, aber sich praktisch frei schwebend in einigen hundert Metern Höhe über dem Geirangerfjord zu befinden und in beide Richtungen mit dem Blick dem Fjord folgen zu können, das übertrifft alles bislang Gesehene. Hier ist man wirklich Adler.

Auffahrt zum Trollstigen

Nachdem wir für kurze Zeit vom Wandervogel zum König der Lüfte mutiert sind, entsinnen wir uns doch, daß es weitergehen muß. Und am Ende des steilen Aufstieges, natürlich nach Durchfahrt eines Tunnels, öffnet sich das Eidsdal, ein liebliches Hochtal, durch das wir auf dem RV63 im strahlenden Sonnenschein zum gleichnamigen Ort, zur Fähre nach Linge fahren.

Souvenirbuden

In Linge beginnt dann die Anfahrt zum Trollstigen, dem in dieser Dreierriege der Paßstraßen wohl namentlich bekanntesten Auf- bzw. Abstieg. Über 20 km geht es konstant, aber kaum merklich bergan. Wir haben mehrfach gute Gelegenheiten, die in der Karawane mitfahrenden Wohnmobile und Lastwagen zu überholen. Manche PKWs sind mit Skiern beladen. Hier muß wohl im Normalsommer im Juli noch reichlich Schnee liegen. Jetzt sind es nur vereinzelte Schneebretter.

Auf der Höhe angekommen, breitet sich vor uns eine Souvenirwelt aus. Vor, hinter und neben dem großen Parkplatz stehen Souvenirhäuschen, die allerlei buntes Zeug anbieten: Ziegen- und Schafsfelle, Trolle jeder Art und Größe, T-Shirts und Aufkleber. So ganz ohne Souvenir wollen auch wir nicht wieder gehen und so erstehen wir jeder einen Aufnäher und ich kaufe mir ein T-Shirt.

Abwärts zum Stigfossen

Dann geht es abwärts! Und das sieht noch etwas spannender aus als bei Dalsnibba. Elf Kehren und bis zu 12% Gefälle machen die ca. 18 km lange Abfahrt nach Åndalsnes reizvoll. Leider haben wir nach wenigen hundert Metern einen Wohnwagen vor uns, der hier gar nicht fahren darf, wegen der Steilheit der Straße im Schneckentempo fährt und der aber wegen des Gegenverkehrs von uns auch nicht zu überholen ist. Als er endlich eine Fotopause macht, sind wir rasch an ihm vorbei – und haben nach ein paar Kurven einen LKW vor uns, der auch nicht schneller fährt und dazu noch nach Dieselabgasen stinkt.

Stigfossen

Na schön, dann halten wir eben einen guten Abstand zu diesem Luftverpester und schauen uns die Landschaft an. Zum Beispiel den Stigfoss, den riesigen Wasserfall, der auf fast allen Postkarten vom Trollstigen zu bewundern ist. Den wollen wir auch fotografieren. Schnell die Maschinen auf eine kleine Parkbucht an der Gegenfahrbahn gestellt und den Fotoapparat aus dem Tankrucksack geholt…

Aber wir haben nicht mit den Trollen gerechnet, die dieser Straße ihren Namen gegeben haben. Sie treiben Schabernack mit uns: Auf dem Parkstreifen klappe ich den Seitenständer aus und steige ab. Und noch während des Absteigens, fällt die Maschine hinter mir her. Hendrik sieht das, klappt ebenfalls den Seitenständer aus, um abzusteigen und mir zu helfen – und ihm passiert genau das gleiche. Nun liegen wir beide unter unseren Maschinen und hören neben dem raschen Abziehen der PKWs (wir hätten ja vielleicht Hilfe brauchen können) in der Ferne das Lachen der Trolle. Haben diese Kerlchen doch den Parkstreifen zur Talseite leicht abschüssig angelegt und wir haben das nicht gesehen…

Glücklicherweise halten unsere Koffer und Taschen die Stürze soweit in Grenzen, daß wir uns unverletzt unter den Maschinen herauswinden können. Dann stellen wir sie gemeinsam wieder auf und stellen fest, daß nichts wirklich kaputt gegangen ist. Schwein gehabt!

„Jugendherberge“ in Sundalsøra

Åndalsnes, unser heutiges Tagesziel, stellt sich einerseits als ziemlich kleines Nest heraus und andererseits ist es noch früh am Tage. Wir fahren deshalb weiter nach Sundalsøra. Dort gibt es auch eine Jugendherberge. Zunächst nehmen wir dazu den RV64, dann die kleine Straße 660, die sehr hübsch immer am Langfjord entlang und ab Vistdal auch durch die Berge führt. Schließlich leitet uns die Nr. 62 bis zum Zielort.

Über die Jugendherberge dort ist nicht viel zu sagen, außer, daß wir eine winzige Hütte zugewiesen bekommen, in der vier Personen schlafen sollen, die aber mit uns beiden schon hoffnungslos überfüllt ist, daß wir ein paar einfache Sanitäreinrichtungen für das Personal eines nahegelegenen Hotels mitbenutzen müssen und daß es in der Nacht anfängt zu regnen.

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