Inselhopping

Montag, 10. Juli 2006 – Strecke: 236 km – Fahrzeit ca. 8 Std.

Von Brønnøysund nach Furøy

Italien ist gestern Fußballweltmeister geworden. Wir wissen das noch nicht, aber der Fährkapitän der Fähre von Horn nach Andalsvåg weiß es garantiert. Seine Anlegemanöver zeigen, daß er gestern zu lange ferngesehen und dabei zuviel alkoholhaltige Genußmittel konsumiert hat. Mit Volldampf fährt er zunächst in den Fährhafen, stoppt etwas auf und rauscht dann so gegen den Anleger, daß die Fähre erst einmal wieder rückwärts fährt. Ein zweiter Anlauf endet in etwa ebenso und ein dritter. Auch wenn das Schiff bei jedem Versuch immer mehr an Fahrt verliert, es klappt nicht. Erst beim vierten Mal kommt es ungefähr dort zu Liegen, wo Passagiere und Fahrzeuge ab- und zugeladen werden können – wenn auch reichlich schräg. An dem vor Strömung geschützten Fährhafen, der Windstille und der kühlen Morgenluft wird das sicher nicht gelegen haben.

Auf geht’s zum Inselhopping

Wir überlegen tatsächlich, ob es nicht klüger ist, diese Fähre auszulassen, die 76 zu fahren und nach einigen Kilometern E6 wieder über die 78 auf den RV17 zu kommen. Aber so ein Umweg? Dazu habe ich dann doch keine Lust. Hoffen wir mal, daß der Kapitän bis zur Abfahrt einen starken Kaffee zu sich genommen hat und wieder etwas nüchterner geworden ist. Weil wir auf einen Linienbus warten müssen und sich die Abfahrt damit um fast eine dreiviertel Stunde verzögert, hat er dazu genug Gelegenheit und die sich anschließende Überfahrt gestaltet sich völlig unspektakulär.

In Forvik wartet schon die nächste Fähre und wir werden in gemütlichen 30 Minuten nach Tjøtta geschippert. Eine sehr schöne Fahrt durch der Küste vorgelagerte Felsen und Inselchen. Und auch hier treffen wir wieder auf unvorsichtige Fabelwesen: Die sieben Schwestern waren wie der Hestemannen Riesen, die es nicht geschfft hatten, sich vor dem Sonnenaufgang zu verstecken. Nun sehen wir sie als Bergkette direkt vor uns.

Die 7 Schwestern

Ab Tjøtta verschlechtert sich das Wetter wieder. Die Wolken werden drohender, kommen tiefer herunter und in Levang, am nächsten Fähranleger, beginnt es zu tröpfeln. Schade, wir fahren mit der Fähre nach Nesna direkt in den Regen hinein.

Eigentlich wollten wir in Nesna bleiben, aber es ist erst Mittag und vielleicht wird das Wetter ja noch wieder besser. Im jetzt strömenden Regen die Zelte aufzubauen, haben wir auch nicht recht Lust. Außerdem ist es von Vorteil, wenn wir morgen nicht ganz so viel Strecke bis Bodø vor uns haben, um noch am frühen Nachmittag eine Fähre zu den Lofoten zu erreichen. Diese Überfahrt dauert immerhin vier Stunden und das soll schon gut in den Tagesablauf eingeplant sein.

Fähren oder Brücken – ohne geht hier nichts

Anderenfalls verlieren wir eventuell einen ganzen Fahrtag. So sagt uns ein Blick in den Campingführer, daß auf der Insel Forøy ein ordentlicher Platz ist, von dem wir hoffen, daß er eine Hütte für uns frei hat. Zelten mögen wir heute nicht mehr.

Um nach Forøy zu kommen, fahren wir über Brattland nach Kilboghamn zu einer weiteren Fähre. Es ist wirklich ein Jammer, daß es so sehr regnet und daß die Wolken die Landschaft einfach wegschlucken, denn selbst in diesem miesen Nebelwetter wird deutlich, daß die Gegend um Brattland eine norwegische Entsprechung des Golfes von Pukhet sein müßte. Der Küste sind lauter rundliche Felsen sowie die Insel Aldra vorgelagert, die innerhalb weniger Meter von Null auf mehrere hundert Meter ansteigen – und heute in den Wolken verschwinden. Hier bei Sonnenschein? Ich glaube, wir wären nicht mehr weitergekommen.

Dickes Wetter im Anmarsch

So mühen wir uns nach Kilboghamn über die Berge und warten an der Fähre geduldig eine gute Stunde auf deren Eintreffen. Zum Glück gibt es einen Warteraum, in dem Würstchen und Pommes verkauft werden. Bislang ohne Mittagessen, nehmen wir das Angebot dankend an. Während wir auf die Fertigstellung des Essens warten, bilden sich langsam, von dem an der Regenkombi ablaufenden Wasser kleine Pfützen unter uns und niemand von den ebenfalls wartenden Autofahrern mag so recht in die Nähe dieser Wassermänner kommen.

Wir finden uns mit unserer Nässe inzwischen ab. Bis -, ja bis zwei weitere Motorradfahrer auftauchen. Sie haben ihre Harleys vor die Schlange aller Wartenden gestellt und sind, bekleidet mit einer locker umhängenden Wildlederweste, einer Schnürlederhose und dünnsten Sommerhandschuhen, völlig trocken. Nein, sie sind nicht eben erst losgefahren. Sie sind hinter ihrer Riesenscheibe einfach trocken geblieben. Ich zweifle das erste Mal an der Tourentauglichkeit unserer Maschinen.

Endlich auf der Fähre, geht es gemütlich zu. Die Landschaft schleicht vorbei, Nebel und Regen bleiben draußen! Der Kapitän gibt irgendeine Meldung auf Norwegisch durch und niemand kümmert sich darum. Daß es die Überquerung des Polarkreises ist, die er angesagt haben muß, merke ich erst, als ich an Land die Weltkugel sehe und von selbst darauf komme. Leider ist wegen des Regens der Fotoapparat tief unten im Schiff in meinem Tankrucksack und so gibt es von dieser Überquerung kein wirklich vorzeigbares Foto.

Wie man sieht, sieht man nichts!

Angeregt durch diese Panne kommen wir mit einem Norweger ins Gespräch, der erzählt, daß die norwegische Bikerunion mit den Fährgesellschaften ein Abkommen darüber geschlossen hat, daß Motorradfahrer stets vor die wartenden Autos fahren dürfen und somit immer als erste und auch ganz sicher mit auf die jeweils nächste Fähre kommen.

Furøy: Quartier im Regen

Eine sehr nützliche Information. Außerdem schwärmt er vom RV44, den er oft und gern befährt, da er bei Oslo wohnt, und freut sich, daß uns diese Strecke auch so begeistert hat.

Auf Forøy bekommen wir tatsächlich eine Hütte, wenn auch nur eine teure für vier Personen. Aber sie ist warm, geräumig und gemütlich. Die Handschuhe werden ausgewrungen und wir spannen Wäscheleinen quer durch die Hütte. Und weil jetzt überall nasse Klamotten rumhängen, gehen wir zeitig zu Bett. Wenn das Wetter so bleibt, sparen wir die Lofoten aus. Im Regen hat man ja doch nichts davon.

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