Ins Museum

Dienstag, 11. Juli 2006 – Strecke: 184 km – Fahrzeit ca. 8 Std.

Von Furöy nach Å

Heute Nacht ist hier die Welt untergegangen und Du hast selig geschlafen.“ Mit diesen netten Worten werde ich von Hendrik am Morgen begrüßt. „Unser Küchenfenster wäre fast aus den Angeln geflogen, ich hatte Angst, daß die Maschinen umgeweht werden und die Camper haben ihre Autos schützend vor die Zelte gestellt, damit sie nicht fortwehen.

Merkwürdig!?! Das Wetter ist gut, die Sonne scheint. Ich glaube Hendrik will mich ärgern. Allerdings stehen die Autos wirklich anders als gestern abend…

Egal! Bei dem Wetter muß es schnell weitergehen! Das eilige Frühstück besteht aus Kaffee für Hendrik, Earl-Grey-Tee für mich (was sonst?) und Elchbrot für uns beide. Elchbrot sind runde, pappige Brotscheiben, die aussehen wie Knäckebrot aber aus Hefeteig gemacht sind. Sie schmecken etwas süßlich, eigentlich nach gar nichts, machen im wahrsten Sinne des Wortes papp-satt und sind das Einzige, was hier zu bekommen war.

Gegenüber vom Svartisengletscher

Dann geht es los, immer weiter auf dem RV17, der auf diesem Teilstück nun wirklich die Bezeichnung schönste Küstenstraße Norwegens verdient hat! Zuerst kommen wir zum Svartisengletscher, der wahrhaftig sehenswert ist. Er ist zwar nicht so groß wie der Jostedalsbre aber immer noch das größte Firnmassiv Nordskandinaviens. Natürlich sehen wir auch von diesem Gletscher nur den allerkleinsten Teil, nämlich eine Zunge und eine Kante vom Engabre, einem Teilgletscher nördlich des Snøtinden, aber irgendwie fasziniert er uns mehr als der Josterdalsbre. Anschließend fahren wir wieder einmal mehrere Kilometer durch einen Tunnel und kommen am Glomfjord wieder aus dem Berg heraus.

Um jede Bucht herum…

Allein die Fahrt entlang dieses Fjords ist ein Leckerbissen. Immer wieder schieben sich steile Felsinseln in die Aussicht von der den Fjord begleitenden Straße zum offenen Atlantik. Und kommt man um die letzte Ecke, präsentiert sich der massive Felsen der Insel Fugløya wie ein von Riesen ins Meer geworfener Stein. Das in diesem Land Sagen von Trollen und Huldren entstehen, wen wundert’s.

Fugelöya

Plötzlich sind wir in der Südsee. Ein schmales Tal mit grün bewachsenen Bergen, ein paar Häuschen und weißer Strand, an den friedlich die blauen Wellen des Atlantiks mit kleinen weißen Schaumkronen auflaufen. Storvik heißt der Flecken. Für wahr, ein verwunschenes Land, dieses Norwegen. Es ist heute morgen nur etwas zu kalt für den gleißenden Sonnenschein.

Norwegische Südsee

In der Folge wechseln sich Tunnel und herrliche Aussichten mit traumhaften Panoramen ab. Hinzu kommt, daß diese Straße kaum einmal geradeaus verläuft – aber das muß wohl nicht extra erwähnt werden. Wenn es denn wirklich ab und zu mal einen knappen Kilometer geradeaus geht, ist das schon fast ein Grund zum Anhalten und Fotografieren.

Gegen Mittag kommen wir an die Straumen. Das sind Tideströme, die durch die geographischen Gegebenheiten dieser Küste gefährlich schnell und mit reißenden Strudeln durch Felsengen strömen. Zuerst fahren wir über den Kjøpstadstraumen und später über den Saltstraumen. Bei letzterem halten wir an und gehen zu Fuß auf die Brücke zurück. Das Schauspiel des reißenden Wassers und der gefährlichen Wirbel wollen wir uns doch einmal direkt anschauen. Schließlich ist es der stärkste Tidenstrom der Welt: Hier werden im Wechsel der Gezeiten jeweils 370 Mio. Kubikmeter Wasser durch eine Enge von 150 Meter Breite und 50 Meter Tiefe gepreßt – unvorstellbar, aber faszinierend!

Saltstraumen

Unter der Brücke auf den Felsen und mitten zwischen den wirbelnden Fluten in winzigen Booten versuchen Angler ihr Glück. Natürlich kennen die Bootsführer die Orte stärkerer und schwächerer Verwirbelungen, aber ob das alles wirklich ungefährlich ist, wage ich zu bezweifeln, denn das Wasser kocht und brodelt. Wo eben noch ein relativ ruhiges Fließen zu sehen war, wirbelt im nächsten Moment eine weiße Schaumspirale, wandert nach Süden aus und verschwindet wieder. Das passiert hier überall und andauernd, dazu in nahezu beliebigen Richtungen. Wie gesagt: Faszinierend!

Wir reißen uns von diesem Schauspiel los und fahren weiter direkt nach Bodø, wo wir die 14:00 Uhr-Fähre zu den Lofoten erreichen. Die See ist spiegelglatt, es ist immer noch sonnig und nahezu windstill. Das wird eine prima Überfahrt werden. Seekrankheit ist absolut nicht zu befürchten – obwohl im Internet immer darauf hingewiesen wurde,

Überfahrt von Bodo zu den Lofoten

daß gerade diese Fährstrecke eine heftige Belastung für den Magen und das Wohlbefinden der Passagiere sein kann.

Die Einweiser im Schiff bedeuten uns, die Maschinen quer zur Fahrtrichtung aufzustellen und sie jeweils mit zwei Gurten fest zu verzurren. So ein Unsinn. Die könnten hier bei dem Wetter doch auch ohne Riemen stehen. Und dann noch quer zur Fahrtrichtung. Na ja, wir machen das, was die wollen und begeben uns kopfschüttelnd nach oben. Kurz darauf legt die Fähre ab. Die Bar öffnet und wir bestellen uns etwas zu Essen.

Langsam gleitet das Schiff durch die vielen, dem Hafen von Bodø vorgelagerten Felsen hinaus auf den Atlantik. Und mit einem Mal wissen wir, warum die Einweiser auf dem Verzurren und auf der Querrichtung zum Schiff bestanden haben. Die lange Atlantikdünung rollt unser 50 bis 60 Meter langes Schiff wie eine Nußschale hin und her, auf und nieder. Meist quer zur Fahrtrichtung, ab und an aber auch richtig rund, alle Freiheitsgrade der Bewegung ausnutzend. Unseren Mägen macht das nichts aus, aber wir sind heil froh, den Anweisungen gefolgt zu sein! Ich möchte nicht wissen, wie das hier bei Schlechtwetter oder im Winter zugeht…

Lofoten

Ziemlich genau nach vier Stunden erreichen wir Sørvågen auf den Lofoten und fahren von dort direkt nach Å, denn ich habe in der Jugendherberge noch von Bodø aus ein Zimmer vorgebucht. Das aber hat man gerade an andere Leute vergeben. Peinlich, peinlich! So sieht es der Herbergsvater auch und überläßt uns ein anderes, sein allerletztes Zimmer. Es befindet sich nicht im Gebäude der Jugendherberge sondern gegenüber im Museum für Fischerei, das aber offenbar wie selbstverständlich für die Herberge mitgenutzt wird. Wir sind nämlich nicht die einzigen Gäste in dem Haus.

Museum als „Jugendherberge“

Ja, und so sieht es dann auch aus. Nicht nur, daß es überall nach Stockfisch stinkt, alles ist mit musealem Interieur vollgestellt.

Ein alter, kaputter Holzofen, ein etwas jüngeres Gästebett für mich, ein ausziehbares Kinderbett aus dem vorletzten Jahrhundert für Hendrik und allerlei anderes klappriges Zeugs, das wohl einst als Mobiliar fungierte. Wir registrieren diese Unterkunft als Kuriosität und richten uns ein. Das Paar über uns hat nicht einmal eine Tür zum Zumachen. Die schlafen einfach im Museumsflur.

Nicht ganz so kurios und alt sind die Küche und die Sanitäranlagen im Haupthaus; sie sind zwar auch etwas skurril aber insgesamt in Ordnung. Trotzdem: Das hier ist eine völlig andere Welt als auf dem Festland.

Å – das Ende der (Lofoten-)Welt

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