Dickes Wetter auf den Lofoten

Mittwoch, 12. Juli 2006 – Strecke: 345 km – Fahrzeit ca. 9 Std.

Von Å nach Harstadt

Um 5:00 Uhr wache ich auf: 14° Celsius und es regnet. Die gestern noch hoch aufragenden Berge sind ebenso verschwunden wie der Sonnenschein. Wolkenfetzen wabern dicht über dem Museumsdach. Schlechter Traum oder Wirklichkeit? Schnell noch einmal umgedreht. Wenn’s ein Traum war, will ich ihn schnell zu Ende träumen, sollte es das Wetter gewesen sein, ist ohnehin nichts daran zu ändern.

Lofoten im Regen – trostlos…

Natürlich ist es das Wetter. Wir frühstücken in der kalten Küche, wobei das Elchbrot von gestern heute durch eine halbe Tafel Schokolade ersetzt wird, packen unsere sieben Sachen auf die nassen Maschinen und fahren in die dunkle Wand aus Regen und tief hängenden Wolken. Wo sind bloß die Berge geblieben?

Heute wollen wir bis Sortland der E10 folgen, dann auf die 82 wechseln und in Andesnes in der Jugendherberge bleiben. Bei schönem Wetter hätten wir sicher noch die 815 befahren, aber heute wäre das kaum interessanter als die E10.

Zeitweilig regnet es weniger

Die entpuppt sich zunächst als besserer Feldweg. Einspurig klebt sie zwischen den unsichtbaren Felsen und dem Atlantik. Die Randbegrenzung zum Wasser ist lückenhaft und besteht, wenn überhaupt, nur aus ein paar Steinquadern. Der Belag ist naß und ziemlich rutschig. Vor uns schleicht ein Bus, der zur Fähre in Sørvågen will. Wir schleichen hinterher. An Überholen ist gar nicht zu denken. Was soll aus diesem Tag bloß werden, wenn wir immer hinter irgendwelchen Schleichern oder stinkenden Dieseln herfahren müssen.

Na, wenigstens lockert die Regenfront etwas auf als wir bei Rømberg die Nordseite der Lofoten erreichen und die Straße wird breiter, fast sogar zweispurig. Dafür weht es hier mächtig und wir frieren. Bei etwa 8 Bft. – meine Schätzung beruht darauf, daß wir bei guten 60 km/h und Rückenwind keinen Fahrtwind mehr spüren – liegt die gefühlte Temperatur durch den Chillfaktor bei ca. 3°. Da hilft auch das bereits eingezogene Winterfell in Jacke und Hose meiner Tourenkombi nur noch bedingt. Hendrik hat es mit seiner winddichten Regenkombi auch nicht viel besser, ihm fehlt Warmes zum Unterziehen.

Regen und Sturm

Und: Der Wind kommt nicht konstant aus einer Richtung. Er fällt in kurzen aber heftigen Schüben ein, bricht sich laufend an den steilen Bergwänden, wird durch schmale Täler und Einschnitte in den Felsen umgeleitet und kommt damit für uns von allen Seiten abwechselnd. Es ist nicht ganz einfach, sich fahrtechnisch darauf einzustellen. Wir haben Mühe, nicht auf die Gegenfahrbahn oder an die Felsen geweht zu werden. Jedenfalls werden wir richtig durchgeschüttelt und kommen auch auf freien Strecken nur langsam voran.

Zur Verbindung der vielen einzelnen Inseln treffen wir hier allerorten auf die typischen Lofotenbrücken. Sie sehen aus, wie eine Gaußglocke und die großen unter ihnen sind in der Mitte so hoch, daß ein Postschiff darunter hindurch fahren kann, also etwa 20 bis 30 Meter. Zunächst sind diese Brücken lediglich interessante Objekte zum Fotografieren. Als wir jedoch selbst darüber müssen, zeigen sie sich von einer höchst unangenehmen Seite: Einige liegen nämlich quer zur Windrichtung, haben kaum eine Seitenbegrenzung und wenn sie dann noch extrem schmal sind, so daß sie nur mit einer Ampelschaltung im Wechsel einspurig zu befahren sind, haben wir berechtigte Angst, von diesen Bauwerken heruntergeweht zu werden.

Die Wolken ziehen nur knapp über uns hinweg

Fahren wir langsam, dauert die Passage und wir müssen viele Böen parieren, fahren wir schneller, müssen wir noch heftiger und konsequenter darauf reagieren, was auch nicht ungefährlich ist. Wir trösten uns damit, daß die meisten dieser Brücken doch zweispurig sind, uns selten ein Fahrzeug entgegen kommt und wir damit den Platz der Gegenfahrbahn einfach zum Ausgleichen der Balance mit nutzen können. Trotzdem sind wir nach jeder Brücke froh, sie hinter uns zu haben.

Vertserålen

Als wir die Insel Austvågøy erreicht haben, hat es mit dem Regen ein Ende und auch der Wind ist deutlich abgeflaut. Jetzt sehen wir etwas mehr von der Landschaft, wenngleich die Höhe der Berge noch immer nicht auszumachen ist. In Fiskebøl überlegen wir kurz, die Straße nach Gullesfjordbottn zu nehmen, aber sie ist leider noch im Bau. Also fahren wir mit der Fähre hinüber zu den Vesterålen nach Melbu auf der Insel Langøya. Schade, daß wir das Fahrzeugdeck nicht verlassen dürfen. So sehen wir nichts von der Überfahrt. Aber der Kapitän hat diese Anweisung erlassen, weil die See auf dem Hadselfjord heute durch den Sturm so aufgewühlt ist. Die Fähre hat nämlich keine Zurrgurte und wir müssen die Maschinen selbst festhalten.

Stockmarknes, das Wetter wird ruhiger

Die Vesterålen kommen uns etwas lieblicher vor als die Lofoten. Hier sind die Täler weiter und der Himmel ist wieder etwas höher, sprich, das Wetter hat sich noch einmal gebessert. Allerdings ist es noch immer bitter kalt und es weht in Sortland auf der Brücke nach Hinnøya durchaus noch mit amtlich angezeigten 11 m/sec.

Hendrik will nicht mehr nach Norden. Und er will auch morgen nicht mit der Fähre von Andesnes nach Gryllefjord fahren. Er will nach Süden und die E10 führt nach Süden. Die 82 nicht. Etwas schade ist das schon, denn die JH Andesnes ist die letzte Jugendherberge auf dem Festlandshelf und die Insel Senja wäre sicher auch noch ein kleiner Leckerbissen gewesen. Aber man muß flexibel bleiben. Daher heißt die Richtung Süd und die Straße weiterhin E10.

„Die Brücke der Entscheidung“

Das führt jedoch zu einem Problem mit der Übernachtung. Für Camping ist es uns zu kalt und die nächste Jugendherberge liegt in Harstad, einer kleinen Industriestadt am nördlichen Zipfel der Insel Hinnøya. Als wir das in Steinsland merken, ärgern wir uns doch ein wenig, denn dorthin hätten wir über die 830 sicher schneller und landschaftlich reizvoller fahren können. Egal, wir fahren das kleine Stückchen E10 bis zum Abzweig der 83 zurück und erreichen problemlos die Jugendherberge. Wir beziehen ein Zimmer mit Meeresblick, es scheint sogar wirklich die Sonne und die dunklen Wolken verschwinden hinter dem Horizont. Jetzt für gute 20 Minuten ab unter die herrlich warme Dusche und der Rest des Tages ist gerettet!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.