Endlos geradeaus.

Sonnabend, 15. Juli 2006 – Strecke: 403 km – Fahrzeit ca. 6 1/2 Std.

Von Repvag nach Kiilopää

Ich denke, die Hütte fällt um und Du schläfst.“ Wieder werde ich am Morgen mit so einem kernigen Spruch von Hendrik begrüßt und in der Tat, auch die Bewohner der Hütte neben uns bestätigen, daß es in der Nacht extrem gestürmt hat. Da die acht kleinen Hütten völlig ungeschützt auf einem Felsen stehen, war die Befürchtung des Umkippens vielleicht gar nicht so abwegig…

Regen am Porsangen

Natürlich ist es immer noch lausekalt und es regnet leicht vor sich hin als wir uns wieder einmal ohne Frühstück auf die Maschinen schwingen. Heute ist der erste Tag der Rückfahrt. So traurig das auch stimmen mag, wir hoffen beide, relativ schnell in wärmere Gefilde zu kommen. Anlaß zu Hoffnung auf ein Eintreffen unseres Wunsches haben uns die Bewohner der Nebenhütte gemacht, die über Finnland und Kirkenes angereist sind und heute zum Kap wollen. Sie berichten von kontinuierlich 30° in Finnland und von miesem Wetter erst seit Kirkenes. Und sie beruhigen uns, daß wir nichts verpassen, wenn wir nicht nach Kirkenes fahren.

Tatsächlich hört es rasch auf zu regnen, ab Smørfjord ist der Wind verschwunden und in Laxelv, am Ende des Porsangen, scheint bereits die Sonne. Nur die Kälte macht uns und heute auch den Maschinen zu schaffen. Bei 80 bis 90 km/h kommen die Öltemperaturen nicht über 50° Celsius und bei 120 km/h schaffen wir es gerade mal auf 60°.

Auf dem Weg nach Finnland

Da heißt es, sachte zu fahren und keine hohen Drehzahlen zu provozieren. Aber das ist auch gar nicht nötig, denn zwischen Laxelv und Karasjok kommen uns auf 75 Kilometern vielleicht zwei oder drei Fahrzeuge entgegen, zum Überholen ist gar keines da und wir selbst werden nur von einem überholt, dem unsere 120 km/h bei erlaubten 80 km/h immer noch zu langsam sind. Na ja, Polizeikontrollen oder Starenkästen gibt es hier sicher nicht, denn außer, daß im Abstand von 20 bis 30 Kilometern Sendemasten für Handynetze zu sehen sind, begegnen wir keinem Zeichen von Zivilisation.

Endlos geradeaus…

Dann folgt die Grenze zu Finnland. Allerlei Schilder, ein paar verkommene Buden, das war’s. Keine Kontrollen, kein Hinweis darauf, daß wir eine EU-Außengrenze passiert haben, daß wir wieder mit Euro bezahlen können und daß hier die Uhren anders gehen – nämlich eine Stunde vor unserer Sommerzeit.

Aber es ist anders hier. Völlig anders! Die Straßen haben einen Belag, der an die Oberfläche einer Feile erinnert. Griffiger Belag ist ja schön und dieser würde jeder Rennstrecke zur Ehre gereichen – nur sind hier nirgends Kurven. Es geht immer (!) geradeaus. Zwar auf und ab, aber immer geradeaus. Wenn wirklich mal eine Kurve angezeigt ist, handelt es sich bestenfalls um eine homöopathische Abweichung von der Geraden, die einem Hinweisschild oder gar einer Geschwindigkeitsempfehlung wirklich nicht bedurft hätte.

Nach 10 Kilometern drohen uns die Augen zuzufallen und über 60 sind es noch bis nach Inari. Auch die Landschaft ist trostlos und langweilig. Nadelbäume, so um die 3 bis 4 Meter hoch, wohin man schaut. Nur geradeaus. Sonst nichts.

Doch! Straßen- und Ortsnamenschilder, die wir als mittelmäßig sprachbegabte Westeutropäer wahrhaftig nicht lesen können. Nicht einmal im Geiste aussprechen kann ich diese länglichen Ansammlungen von ä, ö und ü, gesetzt zu, gemischt mit und gefolgt von unzähligen Buchstabendoppelungen. Dementsprechend riesig sind die dafür notwendigen Tafeln. Immerhin, der kontinuierliche Versuch, diese Wortungetüme doch irgendwie aussprechen zu lernen, macht mir zwar fast einen Knoten in Zunge und Gehirn, füllt mir aber die Ewigkeit bis Inari aus.

Am Inarisee

Und noch etwas ist anders hier. Wir merken es das erste Mal als wir in Inari angekommen sind. Das Positive: Es ist wieder richtig warm in der Sonne! Hendrik packt die Regenkombi ein und ich tausche meinen Skirolli gegen ein T-Shirt aus. Das Negative: Die Leute sind auf eine merkwürdige Art unfreundlich. Im Supermarkt an der Kasse werde ich zunächst überhaupt nicht beachtet – die Kassiererin unterhält sich, mir halb abgewandt, mit einem Bekannten. Dann tippt sie meinen Einkauf in die Kasse ein und erwartet wohl, daß ich den angezeigten Betrag vor sie hinlege. Zumindest denke ich mir das, denn sie unterhält sich immer noch, hat mich noch nicht ein einziges Mal angesehen, geschweige denn, sich irgendwie anmerken lassen, daß ich überhaupt da bin. Ich lege das Geld hin, sie nimmt es, ich bekomme Wechselgeld hingelegt und gehe. Nein, ich war wohl wirklich nicht da. Ähnliches im Souvenirladen. Selbst hier, wo man doch mit Touristen rechnen muß, ist es, als wäre ich Luft – allerdings Luft, die einen Aufnäher kauft. Irgendwie ärgere ich mich hinterher, das getan zu haben…

Finnische Seenlandschaft

Etwas enttäuscht fahren wir weiter. Große Lust, uns Inari näher anzuschauen haben wir nicht mehr. Als wir rund 40 Kilometer weiter südlich die Jugendherberge von Saariselkä nicht finden, gehe ich in eine Touristinformation mit Bewirtung, die in einem recht großen Hotel- und Hüttenkomplex liegt, und frage nach dem Weg. Aber ich hätte es wohl erwarten müssen: Die junge Dame hinter dem Tresen nimmt mich zunächst gar nicht, dann nur unwirsch zur Kenntnis und versteht überhaupt nicht, was ich von ihr will. Nachdem ich das Herbergsverzeichnis aus dem Tankrucksack geholt habe und ihr mit dem Finger die Adresse zeige, die ich suche, murmelt sie mürrisch etwas von „Hotelli“, deutet mit dem Arm nach links, gen Süden und zeigt mir ihre zehn Finger. Dann läßt sie mich einfach stehen und geht.

Nun, mit dem merkwürdigen Umgangston hierzulande können wir die zwei Tage sicher leben, aber offensichtlich haben wir jetzt ein echtes Sprachproblem. Die Finnen hier oben in Lappland sprechen kaum oder gar kein Englisch,

Ab in den Wald

was in ganz Norwegen praktisch jeder so gut wie fließend beherrscht. Und wir haben es mit einer Landessprache zu tun, die wir weder verstehen, noch deuten können.

Wir fahren also gute zehn Kilometer in die angegebene Richtung und finden nach weiteren 6 Kilometern unasphaltierter Enduropiste tatsächlich die Herberge im Naturpark Kiilopää als Teil des dazugehörigen Hotelkomplexes – immerhin mit vier Sternen dekoriert. Die Anmeldung auf Englisch vollzieht sich erwartungsgemäß wenig herzlich und recht holprig und als Hendrik abends eine Cola kaufen will, fragen wir uns, woher Finnland bei den Pisa-Tests wohl die stets guten Noten bekommt. An Sprachkenntnissen kann es mit Sicherheit nicht liegen.

Dafür ist die Herberge sehr komfortabel und wir haben das erste Mal direkten Kontakt mit Rentieren, die hier im Abstand von zwei bis drei Metern an uns vorbeitraben, wenn wir abends vor dem Haus in der Sonne sitzen. Scheu sind sie nicht, aber als wir sie mit „Hey, Rudi“ anreden, reagieren sie doch relativ desinteressiert: Zunächst ignorieren sie uns, dann drehen sie sich um, schauen uns an als wollten sie sagen, „ach, ihr seid’s“, und verschwinden schließlich im Wald. Vielleicht haben wir es falsch ausgesprochen.

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