Noch ein Tag Finnland

Sonntag, 16. Juli 2006 – Strecke: 454 km – Fahrzeit ca. 7 1/2 Std.

Von Kiilopää nach Kalix

Die Rentiere beschäftigen uns auch heute. Sie stehen nämlich überall an und auf den Straßen herum und sind durch ihre Tarnfarbe und die geduckte Figur, die deshalb mit Sicherheit den Designpreis der Evolution verdient hätte, sehr schlecht zu erkennen. Jetzt im Sommer haben sie auch keine rot glühenden Nasen, was zweifellos daran liegt, daß es zur Zeit keinen Glühweinausschank gibt. Da heißt es dann: Aufpassen, abbremsen und abwarten. Bis das Tier oder das Rudel geneigt ist, die Fahrbahn zu verlassen. Ein probates Mittel, diesen Vorgang etwas zu beschleunigen, ist das Hervorsuchen eines Fotoapparates. Später merken wir, daß es mit kurzem Hupen noch schneller geht.

Einsames Rentier

Was macht man, wenn die Strecke gut 250 Kilometer lang durch Nadelbäume führt, von denen jeder so aussieht wie sein Nachbar? Kartenlesen? Nicht, wenn es ohnehin immer geradeaus geht und Alternativrouten außer für Endurofahrer nicht verfügbar sind. Ich frage mich, wie viele Milliarden Streichhölzer man aus dem Bewuchs dieses Landes wohl schnitzen kann und wie lange die paar Finnen, die hier wohnen, dazu brauchen würden.

Ob die Bäume schneller nachwachsen als sie bei Vollbeschäftigung weggeschnitzt werden? Das zu berechnen scheitert an den vielen Nullen – ich kann ja nichts aufschreiben während der Fahrt – und an der Unkenntnis, wie viele Finnen es im arbeitsfähigen Alter überhaupt gibt. Kinderarbeit ist hier sicher auch verboten…

Immer noch endlos geradeaus

Nach 120 Kilometern haben wir endlich Sodankylä erreicht. Liest man im Internet nach, ist hier richtig was los, in Form von Sommerfestivals etc. Für uns ist es eher eine Stadt ohne offensichtliche Reize. Eine Straße zweigt ab, die nach Rußland führt. Na schön…

Wir wollen tanken. 1,57 Euro pro Liter. Es ist Sonntag und der Tankautomat nimmt keine unserer Kreditkarten. Die digitale Erklärung in Form einer Ausschrift auf der Tanksäule: Länglich, aber unergründlich – siehe Straßenschilder. Am Ortsausgang dann eine Tankstelle, die geöffnet hat. Dann ab nach Rovaniemi, der Stadt am Polarkreis. Dort wohnt der Weihnachtsmann. Noch 130 Kilometer. Wie war das gleich mit den Streichhölzern???

Am Polarkreis

Eine Stunde später haben wir den Polarkreis erreicht. Man kann ihn diesmal nicht übersehen. Die Straßenschilder sind mit Grafiken verziert, damit selbst die wenigen Leute, die kein Finnisch verstehen, sich rechtzeitig links einordnen um von der E75 abzubiegen. Natürlich tun wir das auch und landen in einem ziemlich riesigen Rummelplatz für das Gemeinschaftserlebnis „Weihnachtsmann und Polarkreis“. Der Polarkreis geht dabei fast unter. Wir müssen ihn erst einmal suchen. Dann allerdings stellen wir unsere Maschinen demonstrativ auf den am Boden aufgemalten Strich und machen Fotos.

Beim Weihnachtsmann

Und der Weihnachtsmann? Der ist scheinbar geflohen vor dem ganzen Rummel, denn das hier erinnert eher an Jahrmarkt als an Weihnachten oder an den Wechsel zum Reich der Mitternachtssonne. Später erfahren wir, daß er nach Kopenhagen zum alljährlichen Weihnachtsmannkongreß gefahren sein muß. OK, wir machen trotzdem ein paar Fotos und fahren dann rasch weiter.

Weihnachtsmannshop

Noch 125 Kilometer bis Haparanda, dem ersten Ort in Schweden. Jetzt sind deutlich mehr Fahrzeuge auf den Straßen als zuvor. Es herrscht Sonntagnachmittagsverkehr und wir üben uns im Überholen von brabbelnden Choppern und schleichenden Ausflüglern. Da vergeht die Zeit schon etwas schneller und die langen Geraden sind jetzt gar nicht mal so übel.

Die Grenze zu Schweden ist bald erreicht. Schnell noch einmal tanken, denn der Sprit ist mit 1,36 Euro pro Liter relativ günstig. Wer weiß, wie das in Schweden ist. Aber der Tankautomat spuckt auch hier unsere Karten wieder aus. Begründung, diesmal sogar zweisprachig auch auf Englisch: Er nimmt nur finnische Karten. Also tanken wir für drei Cent mehr an der letzten geöffneten Tankstelle in Finnland.

Haparanda

In Haparanda wollten wir in der Jugendherberge bleiben, aber das überlegen wir uns, denn die Stadt ist absolut reizlos; eine Zusammenstellung mehr oder weniger verkommener Holz- und Betonbuden umgeben von tristen Wohnblocks. Selbst die Gärten und das Straßengrün helfen nicht, ein besseres Bild zu schaffen. Der Bahnhof ist noch ganz ansehnlich, aber das war’s dann auch.

Wir machen einen Abstecher zum Yachthafen. Dem nördlichsten Yachthafen der Ostsee, der nur sechs Wochen im Jahr eisfrei sein soll. Er stellt eine besondere Herausforderung für jeden Segler dar, denn auf eigenem Kiel hierher zu kommen, bedarf nicht nur einer gewissen Ausdauer – d.h. man muß reichlich Zeit mitbringen – sondern bedeutet auch das Vordringen in Regionen, die dem normalen deutschen Ostseesegler weitgehend verschlossen bleiben. Mit dem eigenen Schiff hier einzulaufen ist in etwa gleichbedeutend mit unserer Ankunft am Nordkap.

Jugendherberge in Kalix

Und tatsächlich liegt eine deutsche Yacht im Hafen – eine HR36, die „Kairos“ – kurioser Weise aus dem niederländischen Ort Bruinisse. Leider ist niemand an Bord, ich hätte gern nach dem Reiseverlauf gefragt. Dann fahren wir weiter nach Kalix und übernachten in der sehr schönen JH, einem alten Herrenhaus.

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